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Gelesen: Cory Doctorow / Jen Wang „In Real Life“

IRL ©Cory Doctorow/Jen Wang

Letztens bin ich über die Graphic Novel In Real Life (IRL) von Cory Doctorow (Little Brother) und Jen Wang gestolpert. Als ehemalige WoW-Spielerin fand ich die Kurzzusammenfassung ganz ansprechend und habe mir das Buch kurzerhand als E-Book für meinen Kindle zugelegt.

Zur Story: Die 16-jährige Anda wohnt seit einiger Zeit in einer neuen Stadt und muss sich noch an das neue Leben gewöhnen. An ihrem Geburtstag stellt eine Frau das beliebte MMORPG (Massive Multiplayer Online Role Play Game) „Coarsegold Online“ vor und versucht Mitglieder für ihre reine Mädchen-Gilde zu werben. In dem Spiel lernt Anda eine weitere Spielerin, die sich Sarge nennt, kennen. Eines Tages nimmt sie Anda mit, um im Spiel „echtes Geld“ zu verdienen, in dem sie sogenannte „Goldfarmer“ töten. Goldfarmer sind in MMORPGs (meist asiatische) Spieler, die in großen Mengen Spielwährung oder Gegenstände erbeuten und diese für echtes Geld an andere Spieler verkaufen. Anda sieht darin zunächst nichts verkehrtes, schließlich bekämpft man so Personen, die die Ökonomie des Spiels zerstören, und kann gleichzeitig sein Taschengeld aufbessern. Doch eines Tages trifft sie einen Goldfarmer, der ihr unerwarteter Weise hilft, und die beiden freunden sich an. Sie lernt die eigentliche Person hinter der Spielfigur kennen, ein 16-jähriger Chinese namens Raymond. Als Anda erkennt, unter welchen Bedingungen Raymond arbeitet, möchte sie ihm zu helfen…

In „IRL“ ist keine typische Coming of Age-Story wie beispielsweise „Anya’s Ghost„, wobei natürlich auch Andas Geschichte charakteristische Elemente aufweist. Es geht vielmehr um die Verknüpfung von Spielen wie WoW und der Wirtschaft, die damit einher geht. Im Vorwort der Graphic Novel schreibt Cory Doctrow:

In Real Life is a book about games and economics. A lot of us pay attention to games, but think of them as trivial… As for economics, well, yeah, people think economics is important, but it’s also one of those intimidating no-go areas that scares people away, despite the fact that economics — the study of why people do things, really — is the subject that has the most to say about the circumstances in which they find themselves. When you put economics and games together, you suddenly find yourself in the middle of a bunch of sticky, tough questions about politics and labor.

Anda fängt an sich für ihren neuen Freund zu interessieren, recherchiert zu den Arbeitsbedingungen der chinesischen Goldfarmer und versucht, seine Lage zu verbessern. Zwar taucht „IRL“ nicht allzu tief in die Problematik ein, der Gedanke dahinter wird jedoch klar. Dabei spielen auch Themen wie Globalisierung, Kinderarbeit und die Rechte von Arbeitnehmern eine Rolle (wenn auch keine allzu große).

Das Lesen dieser Graphic Novel hat mir sehr viel Spaß gemacht. Anda ist eine sehr sympathische Protagonistin, ist sehr intelligent und kümmert sich um ihre Freunde. Manch einem mag der Zeichenstil etwas zu schlicht sein, ich allerdings mag diese Art von Zeichnungen ganz gerne. Schön finde ich, dass man gut unterscheiden kann, ob die Geschichte im IRL oder im MMORPG stattfindet, denn während die Farben im echten Leben satter und natürlicher aussehen, sind die Szenen, die in Coarsegold Online spielen, blasser und ein wenig bläulich. Auf GoodReads haben sich ein paar Leser über die feministische Message beschwert. Ehrlich gesagt, den Teil ist ziemlich an mir vorbeigegangen. Ja, Anda spielt in einer reinen Frauengilde und der Rekrutierungsvortrag ist ein wenig seltsam. Im späteren Verlauf spielt das allerdings keine wirkliche Rolle mehr. Allerdings ist das Alles-ist-Gut-Ende schon etwas naiv, den Gesamteindruck hat es aber nicht zu sehr gestört. Grundsätzlich hätte ich mir aber etwas mehr, ein bisschen mehr Kritik und Tiefe gewünscht. Allerdings sind 175 Seiten für ein so komplexes Thema auch ein wenig kurz. Wer aber selber MMORPGs gespielt hat und wem „Anya’s Ghost“ gefallen hat, der dürfte auch an Anda und „In Real Life“ durchaus seinen Spaß haben.

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